Vier Wochen ist es jetzt her, seit ich Basic Thinking verlassen habe. Es kommt mir länger vor. So unwirklich wirkt die Zeit seitdem, so ganz anders. Ich hätte lange nicht sagen können, warum genau. Da schnappte ich gestern per Zufall den Disput eines der neuen BT-Autoren mit einem langjährigen Leser auf. Man warf sich gegenseitig Unwissenheit und Infantilität vor. Es endete mit gegenseitigen Bekundungen größter Antipathie. Der eine werde BT nun nicht mehr lesen, sagt er. Der andere entgegnete, darauf könne er auch verzichten.

Und plötzlich fühlte ich mich an die Zeit „damals“ und daran erinnert, was mich letztendlich dazu bewogen hat zu gehen. Es gibt einige Gründe, über die ich nicht sprechen werde, ein weiterer Grund war – das habe ich zum Schluss immer mehr gemerkt – dass ich aus dem täglichen Hamsterrad heraus wollte. Mag man die tägliche Jagd nach den allerneuesten Themen, muss man dafür der Typ sein. Ich bin es nicht. Das ist keine Kritik an Basic Thinking! Sicher findet ihr dort nicht das Paradies und wie in jedem Betrieb gibt es dort keinen bunten Regenbogen, um den die Einhörner tanzen. Aber als Redakteur hat man dort eine große Freiheit, was Themenauswahl und Sprachstil anbelangt. Ich kenne Strukturen, die weitaus schlechter sind. Das neue Team macht einen guten Job, man sucht derzeit noch Verstärkung. Wer diese tägliche Jagd mag, dem kann ich OK/BT als Arbeitgeber empfehlen. Go there, do it!

Einer der Hauptgründe, aus denen ich gegangen bin, ist letztlich dieser oben beschriebene tägliche Hass – beinahe egal, was man schreibt. Kommentator gegen Autor, Kommentator gegen Kommentator, manchmal auch – wenn es zu viel wird – Autor gegen Kommentator. Ja, ich hab darunter gelitten. Das mag daran liegen, dass ich vielleicht nicht so tough bin, wie ich gerne wäre. Das mag aber auch daran liegen, dass es mir in erster Linie nur darum ging, gute Geschichten auszugraben, spannende Texte zu schreiben, ein wenig Meinung kund zu tun, zu überlegen, wie die Zukunft aussehen könnte. Bloggen eben. Aber egal was, egal wie. Unter beinahe jedem Beitrag schlug mir vom ersten Tag an der blanke Hass entgegen, der sehr oft ins Persönliche ging. Mit welcher Berechtigung eigentlich? Niemand kannte mich persönlich. Ich konnte mich auch nicht daran erinnern, in meinem bisherigen Leben besonders viele Feinde angehäuft zu haben. Ich halte mich für einen halbwegs umgänglichen, nicht sonderlich arroganten Menschen. Ich hatte niemandem etwas getan. Woher kam diese Wut?

Kommentare haben ihren Sinn und Zweck verloren

Im Laufe meiner zwei Jahre bei Basic Thinking habe ich größtenteils gelernt, damit umzugehen, Kommentare richtig einzuordnen. Viele Menschen, die man aufs Web loslässt, haben nie gelernt, sachlich zu diskutieren. Sie finden einen kleinen Fehler im Text oder eine Meinung, die sie stört, denken in dem Moment nicht daran, dass sich hinter dem Text kein gesichtsloses Unternehmen, sondern ein Mensch verbirgt und schreiben dann (entschärfte Fassung): „Selten so einen haltlosen Quatsch gelesen. Ein Drittklässler könnte das besser als der Autor. Das war’s jetzt, ich habe Basic Thinking aus meinem Feed-Reader gekickt.“ Kommentare, die jedem anderen mit eigener Meinung das Existenzrecht absprechen, die mir geistige Umnachtung unterstellten, die mir eine rosige Zukunft unter der nächsten Eisenbahnbrücke prognostizierten, die bereits nach dem Lesen der Überschrift zu den Kommentaren sprangen und dort herumpöbelten, ohne den Text gelesen zu haben.

An guten Tagen prallte das alles an mir ab. An schlechten Tagen nagte es an mir. Dafür hing ich einfach mit zu viel Herzblut an meiner Arbeit. Und an ganz schlechten Tagen verlor ich jegliche Professionalität und schoss zurück. Man ist auch nur ein Mensch mit Fehlern, keine Maschine. Drei bis fünf Beiträge täglich waren der Schnitt, immer mit dem Anspruch im Hinterkopf, etwas mehr zu liefern als der Wettbewerb, 1.600 Beiträge an insgesamt etwas mehr als 400 Arbeitstagen. Kaum jemand macht sich eine Vorstellung davon, was das eigentlich heißt.

Irgendwann im Laufe der Zeit verändert man sich, verändert man auch seine Texte, überlegt bei jeder Formulierung, welche Kommentare sie nach sich ziehen könnte. Bin ich heute dazu in der Verfassung, mich anpöbeln zu lassen oder lasse ich den Gedanken lieber weg, weil ich heute keine Lust habe, mir von gescheiterten Existenzen geistige Umnachtung attestieren zu lassen? Wenn es so weit kommt, dass man seine Texte schon im Kern dem daraus möglicherweise folgenden Dialog anpasst, dann läuft etwas schief. Dann ist in meinen Augen der Punkt erreicht, indem Kommentare ihren Sinn und Zweck verloren haben.

Habt eine andere Meinung als ich, aber behaltet sie für euch

Sie einfach abzuschalten (so wie in diesem, meinem neuen Blog), ist eine bequeme Lösung und sie ist durchaus legitim, wenn man sich einfach nur nach Ruhe sehnt. Den Kern des Problems trifft es aber nicht. In dieser Gesellschaft haben sich derartige Aggressionen angestaut, Neid, Missgunst, Hass, die an irgendeiner Stelle ihr Ventil finden müssen. Warum nicht also dort, wo niemand weiß, wer man eigentlich ist, wo man völlig ungestraft bis zu einem gewissen Grad schreiben kann was und anpöbeln kann wen man will? Weil man eben weiß, dass der Gegenüber sich, wenn überhaupt, nur mit halber Kraft wehren darf. Man muss ja den guten Ton wahren, der Leser ist König und er benimmt sich wie ein Arschloch. Weil er es kann, weil man ihn lässt, weil man ihm lange genug vermittelt hat, dass sein Input wichtig wäre.

Nein, nicht alle Kommentare sind schlecht. Manchmal wurde tatsächlich eine Diskussion angestoßen, höflich auf einen Fehler oder eine Schwäche in der Argumentation hingewiesen. Dadurch habe ich viel gelernt. Aber es war die Minderheit. Nimmt man noch die tägliche Flut an Kommentarspam hinzu, ist man irgendwo bei 80 bis 90 Prozent unkonstruktivem Mist, den niemand braucht. Es hat mich geschwächt, es hat mich Kraft gekostet, es hat mich oft davon abgehalten, ein interessantes Thema zu einem sehr guten Text zu machen.

Und das ist der Knackpunkt: Bloggen ist meine Leidenschaft. Ich will schöne Texte schreiben, ich will etwas erreichen, ich will diese Gesellschaft verbessern und kann das, wie jeder andere Mensch, am besten, wenn ich Spaß an meiner Arbeit habe. Kommentatoren bei Basic Thinking haben mir diesen Spaß genommen. Das Feuer kommt erst langsam zurück, aber es kommt, dank der neuen Atmosphäre. Und Kommentare? Lest meine Artikel oder lasst es. Liebt sie oder hasst sie. Nur: Behaltet euren Schwachfug für euch. Eure Meinung wird überbewertet.