Am Wochenende schrieb ich auf Neuerdings eine Art Nachruf auf die MiniDisc, Sonys nicht ganz geglückter Versuch, die Audiokassette zu beerben. Mit meinem Kollegen Wolf-Dieter Roth philosophierte ich heute noch ein wenig hin und her, was eigentlich aus der MiniDisc hätte werden können, wenn Sony das Thema richtig angegangen hätte und die Voraussetzungen etwas besser gewesen wären.

In den frühen 90er Jahren war die Problemstellung klar: Etwas anderes als die leidige Kompaktkassette musste her. Die kostete Minuten beim Umspulen, es gab Bandsalat, Leiern; Mixtapes zu erstellen kostete Stunden. Die MiniDisc mit ihrem kompakten, digitalen Format war eigentlich der perfekte Nachfolger. Aber sie kam zu spät, war zu teuer, die Audioqualität anfangs nicht besonders, arbeitete mit einem proprietären Format. Bei einem etwas anderen Verlauf hätte die MiniDisc zu einem riesigen Erfolg hätte werden können:

  • Günstiger Einstiegspreis: Ein MiniDisc-Recorder/Player hätte damals nicht teurer sein dürfen als Walkman-Spitzenmodelle.
  • Besseres Marketing: Der Unterschied zwischen MiniDisc-Recorder und -Player hätte klarer herausgestellt werden müssen. Es war lange nicht klar, ob ein Gerät beides konnte: aufnehmen und abspielen.
  • Offenes Format: Für einen leichteren Austausch von Musikdateien und der Möglichkeit des einfachen Umwandelns von Formaten.
  • PC-Kompatibilität: Ein MiniDisc-Laufwerk für PCs, auf dem man seine MiniDisc direkt hätte mit seiner CD-Sammlung und später MP3s hätte bespielen können, wäre um die Jahrtausendwende die Killeranwendung schlechthin gewesen.
  • Datenspeicher: Wäre eine MiniDisc nicht nur ein Medium für Musik, sondern auch für PC-Daten gewesen, hätte die MiniDisc die Floppy-Disk gleich mit ersetzen können.
  • Abwärtskompatible Updates: Sony hat die Audioqualität der MiniDisc im Laufe der Jahre immer weiter verbessert, bei den Datenträgern auch das Speichervolumen auf 80 Minuten (180 MB) erweitert. Ein paar Jahre nach dem Start hätte man bereits Discs mit größerem Speichervolumen vorstellen müssen. 1 bis 2 GB pro Disc und die beschreibbare CD wäre erledigt gewesen.
  • Kein Formatkrieg: Sony stellte die MiniDisc in Japan bereits 1991 vor, in Europa kam sie erst Ende 1992 auf den Markt. Das bot Philips und Matsushita (Panasonic) die Chance, mit ihrer Digital Compact Cassette (DCC) zeitgleich auf dem Markt zu sein. Wenn die DCC auch technisch rückständig war, weil sie noch mit Band funktionierte, so reichte das doch, um einen Formatkrieg heraufzubeschwören und Verbraucher zu verunsichern. Als Philips das Experiment DCC 1996 beendete, war die Bahn im Prinzip frei für die MiniDisc. Da war es aber schon zu spät – CD-Brenner wurden langsam erschwinglich.

Ein Erfolg der praktischen MiniDisc hätte Spaß gemacht. Wir hätten uns das üble CD-Brennen sparen können. Wir hätten große Datenmengen einfach getauscht, wir hätten coole Mixtapes erstellt. Ja, ich glaube sogar, die Geschichte wäre etwas anders verlaufen. Hätte Sony und nicht Apple den ersten verkehrstauglichen Download-Store für Musik vorgestellt? Hätte es jemals einen iPod von Apple gegeben? Wären MP3-Player so schnell ein Erfolg geworden?

Wie es nun gekommen ist, ist es okay. Wir haben inzwischen tolle Möglichkeiten, digitale Musik für unterwegs zu kaufen, zu streamen, Playlists zu erstellen. Und wir haben tolle Smartphones und Mediaplayer, mit der wir unsere Musik überall hin mitnehmen können. Die MiniDisc wäre ohnehin abgelöst worden. Nur wäre das bei einem Erfolg wesentlich später passiert.

Und eins fehlt heute immer noch: Ein gutes Pendant zum Mixtape. Die Möglichkeit, Playlists für Freunde zu erstellen, besteht im Prinzip. Aber sie müssten dann auch den gleichen Streaming-Dienst nutzen wie ich, und selbst dann ist es noch lange nicht das gleiche, wie etwas Buntes in der Hand zu haben. Für wirkliche Social Music gibt es bis heute keine ansprechende Lösung. Wäre die Geschichte anders verlaufen, bin ich mir sicher, dass wir auch heute noch einige MiniDiscs rumfliegen hätten und hin und wieder mal reinhören würden. Aber manchmal kommt es eben anders. Ein bisschen schade ist das schon.

Bild: Jon Dowland via Flickr unter CC-Lizenz BY-SA 2.0