Eine Reise nach Berlin ist auch immer eine Reise ins Ich. War bei mir bisher jedes Mal so und dieses Mal nicht anders. Obwohl ich die schnodderigen BVG-Ticketverkäufer am Flughafen mittlerweile urig und nicht mehr beleidigend finde. Obwohl mir die vielen Hipster und Selbstdarsteller inzwischen meist egal sind. Obwohl ich hier mittlerweile meine Lieblingsplätze kenne und jedes Mal gerne wieder besuche.

Und doch kommt man nicht umhin, viel über sich selbst und seine eigene Situation nachzudenken, besonders, wenn man als Netzmensch plötzlich auf der Republica unter 6.000 anderen Netzmenschen ist – und irgendwie den Faden verloren hat. 2008 war ich zum ersten und bis zu diesem Jahr einzigen Mal auf der Republica, die damals noch den Anmut eines besseren Klassentreffens hatte. Es hat seitdem ein Generationswechsel stattgefunden. Ich habe das vor allem an den Menschen erfahren, die ich diesmal getroffen habe.

Direkt der erste, den ich an der Garderobe traf, war Luca Caracciolo von t3n. Der ist genau wie ich Techblogger und Journalist. Wir gehören damit irgendwie schon zum alten Eisen. Damals (2008) waren Blogger gewissermaßen das Zentrum der deutschen Netzlandschaft. Wer heute was mit Internet macht, gehört einer Agentur an, hat sich mit einer eigenen Idee und einem Shop selbstständig gemacht oder vertritt ein Unternehmen als Social Media Manager. Blogger aus Leidenschaft – gibt es sowas heute eigentlich noch?

Als nächstes traf ich Andreas Schümchen, meinen alten Mentor und Professor an der Fachhochschule, leicht erkältet und seit einigen Jahren und Ausflügen ins Silicon Valley nach eigener Aussage immer froh, wenn er mal raus kommt und den immer zahlreicher werdenden Studenten etwas Lebenserfahrung vermitteln kann. Die Betreuung der Studenten sei schwieriger geworden, die Studenten selbst immer jünger: „Zum Teil sind die erst 17. Ich müsste im Prinzip die Eltern um Erlaubnis fragen, bevor ich bestimmte Dinge in der Vorlesung ansprechen darf.“ Schon verrückt.

Sascha Pallenberg sah ich, als er gerade ein Interview gab. Wir grüßten uns freundlich – etwas, was vor ein paar Jahren so noch undenkbar war. Schon nicht schlecht, dass man inzwischen recht unverkrampft miteinander umgehen kann. Auch seine Schwester lernte ich im Hof zufällig kurz kennen. Dort auch den Rolf Mistelbacher, der ein begeisterter Podcaster ist (da hätten wir das erste Genre, was ich jahrelang vernachlässigt habe).

Und weil Bonner Netzmenschen es nicht schaffen, sich in Bonn zu treffen (zumindest ich nicht), trifft man sich eben in Berlin. Sehr tolle, engagierte Menschen: Der Sascha ist Community Manager und betreut Wissenschaftsblogs. Der Johannes ist Social Media Manager und konnte mir als erster dieses Berufszweigs glaubhaft erklären, warum es diesen Beruf braucht. Er will für Bonn ein Barcamp organisieren. Ich schlug ihm nach kurzer Überlegung den „Generalanzeiger“ als gleichsam Kooperationspartner und Veranstaltungsort vor. Von den Umstehenden konnte sich das aber niemand vorstellen. Die Karin ist Netzmensch mit Leib und Seele und scheint irgendwie jeden zu kennen, der etwas mit Internet macht. Den Moritz aka Hellojed verfolge ich schon ewig auf Twitter und habe ich jetzt endlich mal kennengelernt.

Vor ein paar Jahren gab es schon einmal eine kleine, beschauliche Bonner Netzszene. Es gab ein Bonn-Blog, es gab ein paar kleine Treffen mit etwa ein Dutzend Leuten und irgendwann hat sich das dann in alle Winde zerstreut. Viele Ideen, die man hatte, kamen nicht zu Stande, weil einfach die kritische Masse fehlte. Man verwarf deswegen alle Ideen, weil man sie einfach nicht für möglich hielt und verlor die Szene alsbald aus den Augen. Heute gibt es also eine neue Szene und sie macht das, was man früher nicht für möglich gehalten hatte. Man gehört tatsächlich mittlerweile schon zur alten Internetgeneration. Immerhin redet man schon von „früher“.

Soll man sich verändern? Den Anschluss zur Szene suchen? Ich bin mir unschlüssig. Mir geht es gut.

Die Karin fragte mich nach meinem Beruf.
Ich sagte: „Blogger“.
Karin: „Du bist also einer der wenigen Blogger, die davon leben können?“
Ich: „Ja, derzeit sehr gut sogar.“
Karin: „Das ist ja toll. Kennst du…?“
Ich: „Nein.“
Karin: „Okay, aber du kennst… Der macht…“
Ich: „Nein, aber klingt spannend.“
Karin: „Kennst du…?“
Ich: „Nein, nie gehört.“
Karin: „Okay, du kennst also nichts und niemanden und verdienst damit gutes Geld. Das klingt fantastisch!“

Auf meine Frage, für wen ich schreibe, antwortete ich denen, die es wirklich wissen wollten, meist zuerst mit netzwertig.com. Ganz korrekt ist das nicht. Ich schreibe für netzwertig mittlerweile nur noch selten. Aber mein „Hauptblog“ neuerdings.com – vom gleichen Verleger – kennt einfach kaum jemand, obwohl es deutlich mehr Leser hat als netzwertig.

Martin Weigert findet das in Ordnung. Auch ihn traf ich diesmal auf einen elitären Kaffee in einem der neumodischen Berliner Kaffeehäuser, in denen man den Herkunftsort der Bohne selbst bestimmen soll, in der es ein ähnlicher Frevel zu sein scheint, einige der Sorten als Milchkaffee zu bestellen, wie einen Single Malt mit Cola. Dort einzukehren war seine Idee, obwohl er nach eigener Aussage von Kaffee nicht viel versteht. Er wollte dass ich, der sich damit brüstet, einen Cappuccino von einem Latte Macchiato unterscheiden zu können, mich dort wie zu Hause fühle.

Martin selbst besucht so gut wie nie Internetkongresse und ist trotzdem einer der angesehensten Netzmenschen der Republik. Präsenz bei solchen Veranstaltungen scheint also nicht notwendig zu sein. Dass er nie auf solchen Konferenzen ist, wundert mich, denn er ist einer der extrovertiertesten Menschen, die ich kenne – eine Einschätzung, der er übrigens vehement widerspricht. Die Ansicht, was extro- und was introvertiert ist, habe sich in den vergangenen Jahren stark geändert: „Damals war introvertiert der, der auch schüchtern war. Heute ist jemand introvertiert, wenn es ihn Energie kostet, sich mit anderen Menschen zu unterhalten.“ Extrovertierte Menschen wären demnach also nicht solche, die jedem alles erzählen, was sie gerade denken, sondern einfach solche, die dabei aufblühen, wenn sie andere Menschen treffen. Das kann sich ergänzen, muss es aber nicht.

Nun also die Frage: Wo steht man dabei selbst? Ist man schon die alte Generation? Muss man sich ändern, sich mehr vernetzen? Kann man auch genauso gut weiter seinen Netzjob machen? Solange man dabei gut verdient, geht das ja vielleicht auch ohne Vernetzung. Kann man sich überhaupt verändern, wenn man introvertiert, aber nicht schüchtern ist, und gerne extrovertiert aber schüchtern sein will? Ist Aktionismus besser als der soziale Selbstmord?

Ich glaube, der Beitrag, der mir auf der diesjährigen Republica am ehesten aus der Seele gesprochen hat, war der von Holm Friebe – auch wenn der im Grunde auch nur sein aktuelles Buch „Die Stein-Strategie“ noch einmal vorgestellt hat. Der Vortrag war witzig und Friebe rät darin, einfach die Ruhe zu bewahren. Zumindest nicht in blinden Aktionismus zu verfallen, sondern einfach mal abzuwarten. Alles mal so weiterlaufen lassen wie immer und darauf warten, dass sich die Dinge von selbst regeln. Ob introvertiert oder nicht: Die Idee gefällt mir.