„Wie ich mich von der Welt zurückzog und dabei unermesslich reich wurde“

… war der Titel eines Vortrags, den ich auf dem 1. Bonner BarCamp gehalten habe. Natürlich ein recht plakativer Titel – ich habe weder einen Maserati vor der Tür stehen, noch eine Yacht, eine Villa, geschweige denn ein eigenes Haus. Warum ich mich trotzdem reich fühle, habe ich in einer kleinen Session auf dem BarCamp dargelegt und dabei ein bisschen aus meinem Leben erzählt.

Für mich selbst ein Novum: Ich war auf meine alten Tage zum ersten Mal auf einem BarCamp. Ausreden, das nicht zu tun, findet man immer genug. So ist mir mein Wochenende eigentlich heilig – aber als Johannes, Karin und Sascha mir vor einem Jahr auf der Re:publica in Berlin von ihren Plänen erzählten, das erste BarCamp in meiner geliebten Bundesstadt zu organisieren, da versprach ich zu kommen, sollte ihnen das gelingen. Und es gelang. Für mich außerdem ungewohnt: Ich hatte seit Ewigkeiten keinen Vortrag mehr gehalten und aus verschiedenen Gründen immer ein wenig Respekt davor. Die Resonanz war dennoch positiv, wie mir schien. Die meisten Besucher gingen aus meiner Session mit einem Lächeln auf den Lippen.

Worum ging es in dem Vortrag?

Natürlich um Job- und Arbeitsplatzwahl, monetären und geistigen Reichtum und wie das alles zusammenhängt.

Ich erzählte ein wenig aus meinem Leben. Wie ich – wie viele andere auch – mit der Einstellung aufwuchs, dass Arbeit zwingend die Abhängigkeit von Vorgesetzten bedeutet und eine Festanstellung die notwendige Sicherheit im Leben bringt. Geld und Reichtum? Nichts für Menschen aus kleinen Verhältnissen wie die, denen ich entstammte. Im Job aufsteigen? Dann nur über eine Beförderung.

Wie ich dann im Studium für die Agentur Fresh Info zu arbeiten begann und dessen Leiter Marc C. Schmidt mich damals dazu ermunterte, es einmal mit der Freiberuflichkeit zu versuchen. Wie ich im Geiste dennoch angestellt blieb, letztendlich damit scheiterte, beinahe pleite war, mich wieder in eine Festanstellung flüchtete, dort aber mit der Situation so unzufrieden war, dass ich beschloss, es noch ein zweites Mal mit der Selbstständigkeit zu versuchen. Und es diesmal richtig zu machen.

Als ich den Vortrag plante, musste ich selbst noch einmal rekapitulieren, was sich eigentlich geändert hat, wo ich vor fünf Jahren stand und wie es mir heute geht. Deutlich besser, muss ich mit einem Schmunzeln zusammenfassen. Ich habe heute mehr Spaß an der Arbeit, bin ausgeglichener, habe keine existenziellen Sorgen mehr, blicke deutlich optimistischer in die Zukunft, kann genug Geld für eine Altersvorsorge zurücklegen, bin unabhängiger und kann mein Leben freier gestalten.

Für die, die dem Vortrag nicht beiwohnen konnten, dürfte natürlich interessant sein, wie ich das meine, gemacht zu haben:

  • Vor allem habe ich die Einstellung verändert. Geld war für mich vorher etwas Schlechtes, ich lebte von meinem Idealismus. Ein guter Journalist, so meine Meinung, schert sich nicht ums Geld, sondern lebt von seiner Berufung. Heute weiß ich: Von irgendwas wollen Miete und Brötchen dann doch bezahlt werden und etwas mehr Geld auf dem Konto hilft bei der eigenen Unabhängigkeit. Und nicht erst seit der Medienkrise wissen wir, dass Journalisten von so manchem Verlag ausgebeutet werden. Idealismus also: schön und gut, aber wofür? Für einen geizigen Verlagschef, der auf meine Kosten reich wird?
  • Wahrer Reichtum besteht allerdings, natürlich, nicht nur aus Geld. Früher habe ich ganze Wochenenden durchgearbeitet und mir maximal zwei Wochen Urlaub im Jahr gegönnt und in einer WG gewohnt, die mich zum Schluss nur noch genervt hat. Luxus ist für mich heute, vier Wochen Urlaub im Jahr zu haben, alleine zu wohnen, in Ruhe zuhause arbeiten zu können und auch am Wochenende frei zu haben. Für einiges davon, zum Beispiel die höhere Miete, ist denn aber doch wieder Geld nötig.
  • Ich habe aufgehört, wie ein Angestellter zu denken, und sehe mich nun mehr als Geschäftsmann, der eine – begehrte (!) – Ware verkauft. Denn, love it or hate it: Wir leben im Kapitalismus. Ich habe die Möglichkeit, hieraus auszusteigen, in eine Hippie Community zu gehen, oder ich muss mitspielen und versuchen, das Spiel nach meinen Gunsten zu bestimmen. Am besten, ohne meinen Charakter dabei zu verderben. Dazwischen gibt es eigentlich nichts. Wer sich nicht zumindest ein bisschen um sein Geld und seine Finanzen kümmert, verliert.
  • Ich kann mit Geld sogar Gutes tun. Dachte ich früher, dass ich der Welt am besten helfe, wenn ich selber arm bin, weiß ich heute, dass das Quatsch ist und ich mit einer anderen Einstellung sogar Gutes tun kann. Hatte ich damals nicht einmal für mich selbst genug Arbeit, habe ich heute so viel davon, dass ich sie nicht mehr alleine schaffe und statt dessen an andere abgeben kann. Ich schaffe also sogar Aufträge/Arbeitsplätze damit.
  • Dachte ich früher, dass ich nur einer von vielen wäre und jeder andere das genauso gut könne, was ich tue, weiß ich heute, dass das Humbug ist. Es kann eben nicht jeder, nicht jeder so gut oder so zuverlässig. Das hat sich auch in meiner Preisgestaltung niedergeschlagen. Es gab Zeiten, da habe ich so wenig von meiner eigenen Arbeit gehalten, dass ich einem börsennotierten Unternehmen für lächerliche 15 Euro einen Wikipedia-Eintrag erstellt habe, der auch angenommen worden ist, während die Web-Enzyklopädie die vor Werbung strotzende Version der deutlich teureren Agentur der Firma zuvor abgelehnt hatte. Ich verlange keine Wucherpreise, aber die Zeiten, in denen ich der 1-Euro-Jobber der Techjournalisten war, sind definitiv auch vorbei.

Ach, es gäbe noch viel mehr zu erzählen. Sicherlich tue ich das in Zukunft an dieser Stelle immer mal wieder. Und bald auch mal wieder in freier Wildbahn auf einem Vortrag, über den ich euch dann rechtzeitig informiere. Übrigens – auch das erwähnte ich in der Session – ist nicht alles zu 100 Prozent toll. Manchmal vermisse ich den Flurfunk im Büro und wünsche mir etwas mehr Gesellschaft und den Austausch mit anderen Menschen über fachliche Themen. Den Königsweg habe ich noch nicht gefunden, aber ich weiß, dass es so wie im Moment schon viel, viel, viel, viel besser ist als vor einigen Jahren, wo ich pleite war oder täglich ins laute Büro kommen musste.

Das Thema Home Office und digitales Nomadentum – Kollege Joas Kotzsch hielt auf dem BarCamp ebenfalls einen spannenden Vortrag hierzu – ist erst so richtig im Kommen. Wer sich an das Thema heranwagt, sollte das aber mit der richtigen Einstellung tun. Die Moral meiner kurzen Geschicht also, natürlich:

  • Jeder Jeck ist anders. Manche blühen im Kollegenkreis im Büro so richtig auf, andere sind eben bei der Arbeit zu Hause oder im Café am produktivsten. Man sollte die Wahl haben. Nicht bei jedem Job geht das, für viele mehr als so manche Chefs behaupten, dann aber doch.
  • Vielleicht verdirbt zu viel Geld wirklich den Charakter und ab einer bestimmten Schwelle macht mehr Geld ganz sicher nicht glücklicher. Aber in Zeiten des Kapitalismus‘ ist nur ein Aussteiger ohne Geld wirklich frei. Der Rest fährt besser, wenn er lieber etwas mehr als etwas zu wenig in der Tasche hat. Man muss es ja nicht gleich für jeden vermeintlichen Luxus raushauen und kann trotzdem noch etwas für die Gesellschaft damit tun.

In diesem Sinne: Werdet reich und unermesslich glücklich!

9 Kommentare

  1. Ein wirklich toller Beitrag. Ich freue mich sehr, dass bei Dir der Wechsel so gut geklappt hat und Du jetzt damit zufrieden bist. Hat sich vor ein paar Jahren eben wirklich anders angehört (erinnere an unsere Wanderung). Daumen hoch dafür, dass Du jetzt Dein Ding so durchziehst.

    • Ja, die Wanderung! 🙂 Ich meine mich aber zu erinnern, dass ich da nicht als einziger mit ein paar Dingen unzufrieden war. 😉 Wie ist es dir seitdem ergangen?

      • Hatte auch sehr großes auf und ab, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie bei Dir.

        Viele Sachen mit denen ich unzufrieden war, sind beseitigt. Habe jetzt einen besseren Fokus und weiß eher was ich beruflich bin und sein möchte (anstatt alles zu machen). Gab große Rückschläge (hatten auf der Wanderung ja Zahlungsmoral angesprochen) , aber es gab natürlich auch viel Positives (Kundenfeedback, neue Kooperationsmöglichkeiten etc.).

        Wie nachhaltend das alles ist, werde ich dann in 1 Jahr wissen 😉 Es ist wie immer alles im Fluss, aber derzeit macht mir die Arbeit deutlich mehr Spaß als damals in der Wanderungszeit und es ist auch lukrativer. Aber besser geht immer 😉

  2. Christian Lanzerath

    21. März 2015 um 10:54

    Sehr cooler Artikel mit Happy End 🙂

    Als Freiberufler kann ich das alles ganz gut nachvollziehen, auch wenn ich in meiner „freien Karriere“ zum Glück keine Unterbrechung durch eine Festanstellung hatte.

    Aber als ich deinen Satz „mich wieder in eine Festanstellung flüchtete, dort aber mit der Situation so unzufrieden war“ gelesen hatte, konnte ich mir genau denken, das du meinst – glaube ich. Nach einer kurzen Festanstellung nach dem Studium möchte ich auch nie wieder einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Ich kann mir das beim besten Willen nicht mehr vorstellen.

    Zumindest solange ich nicht muss. Wenn nämlich das Geld nicht stimmt, dann kann man von seinem Idealismus (oder wie man es nennen will) auch nicht leben, wie du schon gesagt hast.

    Aber diese Gedankengänge sind wohl alle ganz normal, wenn man freiberuflich arbeitet, nicht nur am Anfang. Worüber will ich schreiben? Für wen will ich arbeiten? Wie viel Geld möchte und kann ich dafür verlangen? Das überlegt man sich auch nach über sechs Jahren immer noch.

  3. Schön, dass ich die verpasste Session – da ich ja den Paralleleinsatz hatte – hier jetzt noch einmal nachlesen konnte . Eine spannende Geschichte mit gutem Ausgang. Freu mich auf den 30. 🙂

  4. … wenn ich das lese, kann ja alles nur besser werden (bei mir)!
    Ich habe das Gefühl, wenn man eine kleine Familie hat, muss man sich wohl auch ausbeuten lassen und ich denke, der Arbeitgeber (egal ob fest oder frei) nutzt das auch aus.

    Meine Device lautet … andere müssen mit weniger auskommen.

    • Jürgen Vielmeier

      22. März 2015 um 12:43

      Das ist die Frage, ob das wirklich so ist, also ob man sich dann ausnutzen lassen muss… Aber an deinem Argument ist sicher etwas dran: Wer nicht – wie ich – nur für sich selbst sorgen muss, der hat es ungleich schwerer mit der Wahl des Arbeitsplatzes.

      Übernächste Woche treffe ich mich zu einem Gespräch mit Joas (siehe Kommentar oben), der seine 10-Leute-Agentur ins Home Office gebracht hat und seitdem wieder mehr Zeit für seine Kinder hat. Da werden wir sicher auch besprechen, wie das mit dem sich Zurückziehen und dabei reich Werden für Familienmenschen ist. Schwerer bestimmt, aber unmöglicher sicher auch nicht.

  5. Moin Jürgen, freut mich dass Dein Blog wieder lebt, dein Stil (auch im Trendblog und früher bei Neuerdings) ist wirklich ein besonderer. Die Erkenntnis über die eigene Stärke reift langsam und im geeigneten Umfeld, bzw. schneller in Umbruchszeiten/Situationen, sobald diese aber da ist (und man trotzdem auf dem Boden der Tatsachen bleiben kann) hat man wirklich einen Mehrwert der sich nicht in Zahlen ausdrückt. Die andere Seite sollte natürlich auch stimmen, aber nicht im Vordergrund stehen. Insofern, Artikel astrein, und solange es Spaß macht, ist das Thema ausbaufähig und für viele interessant. Wie Du schon sagst, die Arbeit wandelt sich, und wir mit ihr.

    • Jürgen Vielmeier

      13. April 2015 um 15:31

      Danke dir, Boris! Interessanterweise erinnere ich mich auch an dich und deine Kommentare, egal für welches Blog ich gerade geschrieben habe.

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