Einslive, triff deinen größten Widersacher für die nächsten 20 Jahre – Pennylive

Pennylive

Neulich, Ostern, unternahm ich eine Spritztour ins Grüne. Der Tag war gut gewählt, denn im Radio feierte Einslive seinen 20. Geburtstag mit einer Zuschauer-Top 100 und allen alten Bekannten. Nirvana, Oasis, die Fantas, die Brote, die Hosen. Notstalgie pur. Platz 1 war „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten und die Moderatoren verlasen schwärmerisch Mails von Hörern, die in romantischen Erinnerungen schwelgten: „Bin mit dem Auto an den See gefahren, wie früher, habe das Schiebedach aufgemacht, schaue mir die Wolken an, wie früher, höre 1live und genieße das Leben.“ Wie früher. Es war ein schöner Moment, es war voller Erinnerungen, es war ein Stück heile Welt in diesen so unheilvollen Zeiten.

Zwei Tage später im Supermarkt dröhnte plötzlich Coolios „Gangsta’s Paradise“ durch die – erstaunlich basslastige – Lautsprecheranlage. Sofort hatte ich das Bild des Videos mit Michelle Pfeifer, dem rauchenden Coolio und seinem verschwitzten Main Man L.V. wieder vor Augen. Und mir war es für einen Moment, als würde der Einkaufswagen vor mir an der Tiefkühltheke im Takt bouncen, die coolen Kids easy zum Rhythmus der Maggi-Fix-Tüten jammen. Es war Nostalgie pur.

Moment.

Denn was da im Radio des Supermarkts lief, war nicht Einslive, es war Pennylive. Der Sender der Supermarktkette Penny ist am 31. März an den Start gegangen – in allen 2.200 Filialen der Kette in Deutschland. Neben neuer und eben altgedienter Musik der 80er, 90er und 2000er gibt es Wortbeiträge. Das Programm unterscheidet sich beim ersten Klang nicht von dem von Einslive. Der Sender verfügt über professionelle Moderatoren und eine solide Anzahl klangvoll produzierter Wortbeiträge – und eben Coolio.

„Live von der Gemüsetheke“

Auf den zweiten Blick wird der Unterschied allerdings schnell klar: Statt Kulturtipps gibt es Einkaufs- und Kochtipps, statt Studio-Telefonaten mit Experten aus Politik, Wisschenschaft oder Kultur gibt es passend zur Jahreszeit Live-Schaltungen zu Supermarktexperten: „Bekommt man bei dem Wetter nicht spontan Lust auf frisches Obst?“, hieß es etwa vergangenen Freitag am ersten echten Sommertag des Jahres. „Uns live zugeschaltet ist jetzt die Chefeinkäuferin Obst und Gemüse bei Penny“. Ähnliches gilt für Grillfleisch („Bei uns diese Woche im Angebot: die Rumpsteaks von X“), Schokolade, Fertigpizza, you name it. Fast schon ulkig auch: Wo Einslive Veranstaltungstipps aus dem „Sektor“ verliest, rattert Penny im gleichen Tonfall die aktuellen Angebote herunter. Wer nicht genau hinhört, glaubt etwas zu hören wie „Heute live um 20 Uhr an der Fleischtheke am Kölner Stadtgarten: das Kilo Wurst. Eintritt 1 Euro“.

Das ist nicht besonders originell, das ist maximal 20 Minuten lang interessant. Das ist länger überhaupt nicht auszuhalten.

Aber eben darum geht es ja: Den Kunden in den 20 Minuten, die er alle zwei, drei Tage in den Supermarkt geht, bei Laune halten, ihm vielleicht ein paar Tipps geben, die Wartezeit an der Kasse versüßen, noch einen coolen Song dazu spielen. Auch den Mitarbeitern etwas bieten: Für sie gibt es in der Stunde vor Ladenöffnung eine Art Mitarbeiter-Radio. Sie können sich ihre Lieblingssongs wünschen oder Kollegen grüßen.

Gar keine so schlechte Idee eigentlich. Aber eine Gefahr für Einslive und Co.?

Nun, in der aktuellen Form natürlich nicht. Was Pennylive sendet, ist zwar durchaus professionell gemacht. Die Moderatoren könnten auch genauso gut im Privatradio auftreten, die Beiträge sind gut produziert und gewissermaßen zielgruppengerecht, die Musikauswahl zumindest nicht schlechter als „das Beste der 80er, 90er und von heute“ der zahlreichen Privatradios. Die Wortbeiträge und auch die Musik nerven zwar schon nach wenigen Minuten. Aber es ist ja erst der Anfang, da ist Potenzial.

Einslive_20

Denn rechnen wir mal hoch: Pennylive sendet in 2.200 Filialen bundesweit, 26.000 Mitarbeiter müssen täglich zuhören, ob sie wollen oder nicht. Geschätzte Kunden- und damit Hörerzahl täglich: 1 Million. Zusätzlich gibt es das Radio als Livestream fürs Web. Mir erschließt sich zwar nicht, warum das irgendjemand wollen würde, aber man könnte Pennylive auch zuhause am Rechner oder auf dem Smartphone hören. Einslive bringt es laut aktueller Medienanalyse auf 3,66 Millionen Hörer montags bis freitags; etwas weniger als noch im Vorjahr. Hinzu kommen noch einmal 7,5 Millionen Hörer, die sich online einschalten. Einslive ist längst überregional empfangbar. Pennylive aber auch.

Hinter dem Programm steht Radio Max aus Wien, nach eigenen Angaben „mit 20 Jahren Erfahrung in cross-medialer Verkaufsförderung direkt am [Point of Sale]“. Es geht also um den Dinero, klar. Aber das muss gar nicht einmal zwingend unsympathisch sein. Wenn man von vorne herein weiß, dass man da mit Werbung beschallt wird, nimmt man so etwas zumindest wohlwollender auf als schlecht getarnte Schleichwerbung, die es im Privatradio zweifellos gibt und deren finanzielle Möglichkeiten auch öffentlich-rechtliche Programme vor Herausforderungen stellt.

Wird es Einslive in zwanzig Jahren noch geben?

Die Frage ist also: Wessen Top 100 werden wir in 20 Jahren hören, die von Penny oder die von Einslive? Nicht vergessen: Penny ist ein Unternehmen der Rewe Gruppe, ebenso wie Radio Max. Rewe expandiert beständig und liefert sich ein Duell mit dem Marktführer Edeka, der es auf 25,5 Prozent Marktanteil bringt; Rewe auf knapp 15 Prozent im Jahr 2013. Langfristig dürfte es auf eine Patt-Situation hinauslaufen; Marktanteile von 25-30 Prozent sind für Rewe in den nächsten fünf bis zehn Jahren realistisch, sollten sich nicht die Kartellwächter einschalten. Wenn langfristig jeder dritte Deutsche bei Rewe einkauft und dort das Rewe-Radio hören würde, dann hätte Radio Max einen Marktanteil, der es mit dem von Einslive locker aufnehmen könnte. Das Programm ließe sich ja auf andere Märkte ausdehnen, der Inhalt noch verbessern.

Und vergesst nicht die Konkurrenzsituation: Was bei dem einen gut läuft, will der andere auch. Vielleicht hören wir schon in 10 Jahren nicht mehr SWR3, Antenne oder Radio Hamburg, sondern Rewe Live, Edeka 2 oder Saturn Tunes.

Ich würde das nicht wollen. Ich hätte es lieber, wenn Einslive auch in 20 Jahren noch in einer ähnlichen Form wie heute bestünde. Ich hätte es auch lieber, wenn wir eine starke, unabhängige Presse hätten, die sich keinen wirtschaftlichen Zwängen beugen müsste und deswegen nur seriöse Nachrichten verbreiten würde. Es geht aber nicht nach mir. Leider.

Radio in zwanzig Jahren

Und auch Einslive wird nicht so weiter machen können wie bisher, zumal es mit Jugendlichen bei dem einstigen Jugendradio nicht mehr weit hin ist. Das Durchschnittsalter beträgt mittlerweile 36 Jahre. Die Jugend von heute schaut sich lieber auf YouTube um oder hört noch jüngeres Radio. Konkurrenz droht auch aus dem Web, wo Streaming-Dienste wie Spotify zumindest die Musikauswahl eines herkömmlichen Radios durch personalisiertes Radio durchaus ergänzen können, von abertausenden Webradio-Stationen weltweit einmal ganz abgesehen.

Anlässlich des 20. Geburtstags hat Einslive einen umfassenden Ausblick auf die Zukunft gewährt, in der freudigen Erwartung, dass man selbst dann noch dabei ist. Ich glaube schon, dass der Sender bis dahin überleben wird, aber auch dass es bis dahin einen neuen Jugendsender vom WRD geben wird (der dann vielleicht WDR 3 oder 4 ersetzt). Und ich hoffe zumindest, dass es jungen Leuten in 20 Jahren nicht egal ist, ob die Wortbeiträge im Radio aus Veranstaltungstipps oder den neuesten Angeboten bestehen.

Vielleicht müssen die Ärzte oder eher Kraftklub dann ein neues „Schrei nach Liebe“ singen, das sich diesmal gegen die Kommerzialisierung richtet. Denn gemütlich am See liegen, die Wolken beobachten und das Leben bei einem guten Radioprogramm genießen. Das werden wir auch in zwanzig Jahren noch wollen.

2 Kommentare

  1. Andreas Krämer

    14. April 2015 um 13:47

    Hallo Jürgen,

    ich bin 68er – also Jahrgang 68 – und konnte daher die Entwicklung von 1Live gut mitverfolgen. Ich kann nur sagen: Dein Vergleich mit dem Sender ehrt uns sehr. Doch keine Sorge, auch wir bei PENNY wollen, dass 1Live noch ganz viele Geburtstage und noch mehr Jubiläen feiert. 1Live ist Kult und wir würden uns schon sehr freuen, wenn wir mit PENNYlive vielleicht auch ein wenig Kultstatus erlangen würden.

    Beste Grüße Andreas
    1Live-Hörer und PENNY-Pressesprecher

    • Jürgen Vielmeier

      22. April 2015 um 18:59

      Danke für deine Nachricht Andreas, und wäre echt schön, wenn beides friedlich nebeneinander co-existieren kann. Mehr Radio für alle, das wäre doch was! 🙂

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