schrieb Videopunk Markus Hündgen neulich auf Twitter. Ich wollte ihm reflexartig widersprechen, ich verstand aber auch sofort, warum er das schrieb, und warum das nicht nur auf seine Perspektive als Videoblogger zutrifft. Einzelne YouTuber haben heute Einschaltquoten (neudeutsch: Views) im Millionenbereich. Viele TV-Sendungen würden sich alle zehn Finger nach solchen Zahlen lecken. Hündgens Botschaft mit dem schlichten Tweet oben: Was uns heute interessiert, was geteilt und geliked wird, kurz: was unsere Aufmerksamkeit erregt, stammt immer seltener von Journalisten.

Etwa zur gleichen Zeit hat der Blogger, Journalist und digitale Vorreiter Richard Gutjahr zum Schrecken vieler Medienmenschen seinen jahrelang bewunderten Grundoptimismus verloren. Auf seinem Blog veröffentlichte er das Transkript einer Rede, die er kürzlich auf den Österreichischen Journalismustagen hielt. Und es klingt nicht gut:

Heute stehe ich vor Ihnen und ich bin ratloser denn je. Ich bin vom Weg abgekommen, habe meinen Glauben verloren. Meinen Glauben daran, dass wir das wieder hinbekommen mit dem Journalismus, der uns alle ernährt.

Es gab die ersten Widerreden von Volker Schütz und Daniel Häuser. Aber dieses pessimistische Fazit saß, auch bei mir.

Denn ohne dass Gutjahr es genau benennt, ist es kritischen Beobachtern längst klar: „Der Spiegel“ konkurriert heute nicht mehr nur mit der „Zeit“, dem „Focus“ und dem Axel-Springer-Verlag. Und auch nicht bloß mit einem Buzzfeed, einem Mashable oder einer „Huffington Post“. Er konkurriert mit dem neuen Rihanna-Video, den lustigsten Katzenbildern, den heißesten LetsPlays, dem neuesten Traumtor von Cristiano Ronaldo, der Frage ob das Kleid weiß oder blau ist. Schlicht: Mit allem, was irgendwie unsere Aufmerksamkeit erregt.

Ja, das sind manchmal News wie der unverstandene Flugzeugabsturz einer Germanwings-Maschine oder der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer. Aber ganz ehrlich: Wisst ihr noch, auf welcher News-Seite oder in welchen TV-Nachrichten ihr zuerst von derartigen Unglücken erfahren habt? Oder war es nicht schlicht egal, weil austauschbar? In wie vielen Fällen dieser Themen, die unsere Aufmerksamkeit erregen, werden Journalisten noch gebraucht, und in wie vielen Fällen reichen hierfür Multiplikatoren? Und in wie vielen Fällen sind die Mashables, Buzzfeeds und wie oft eigentlich auch schon die Spiegel Onlines und FAZ.nets dieser Welt bloß noch Multiplikatoren?

Bild: Chung Ho Leung unter CC-Lizenz BY-ND 2.0

Ja, da ändert sich was, nicht gerade zu Gunsten der bekannten, trotz allen Umbrüchen bisher immer noch nachvollziehbaren journalistischen Strukturen. Und gegen diesen Umbruch, den wir gerade erleben, fühlt sich der harte Schnitt von Print auf Digital an wie ein Kindergeburtstag. Der war für mich nie das Problem, ich bin als Onliner in den Beruf eingestiegen. Aber auf die aktuellen Veränderungen habe ich auch keine Antwort: Beiträge auf Smartwatches, direkt ohne Quelle auf Facebook oder Snapchat; YouTube statt Fernsehen, Textanrisse als Screenshots, damit sie überhaupt noch gelesen werden, ein völlig überschwemmtes Überangebot an Hard News wie Soft News, Roboterjournalismus, der Daten besser aufbereiten kann als jeder Redakteur… Hier bleibt gerade kein Stein mehr auf dem Anderen.

Und das größte Problem ist nicht, dass der verliert, der nicht mit der Zeit geht oder nicht die besten Originalaufreger hat. Das größte Problem ist das Thema Marketing. Du kriegst deine Beiträge nicht mehr einfach so auf die Endgeräte der Leute, wenn du nicht bis in die letzte Ecke vernetzt bist, wenn du nicht trommelst, optimierst und wirbst für jeden einzelnen Beitrag. Doch in diese über Jahre gewachsenen Strukturen kommst du heute kaum noch rein.

Setzt jetzt das große Blogsterben ein?

Wir haben die Umstellung auf digital jetzt hinter uns gebracht, wir haben jahrelang fleißig gefacebookt und getwittert, Netzwerke aufgebaut, die Monster gefüttert, wie Martin Giesler es einmal nannte. Nur um jetzt zu merken, dass wir uns damit unser eigenes Grab geschaufelt haben. Wir sind abhängig geworden von den großen Netzwerken, und die wollen, dass wir künftig unsere Inhalte dort direkt veröffentlichen. Sie wollen uns nicht einmal mehr die lausigen Pfennige lassen, die wir online noch verdienen durften. Und es gibt niemanden, bei dem wir uns darüber beschweren können.

Digital_Monster_Surian_Soosay

Bloggen galt einst als die Zukunft des Journalismus‘ oder zumindest als erfrischende Abwechslung, aber hier ist es mit der Finanzierung auch nicht gerade leicht. Zwei meiner früheren Arbeitgeber, einst die Avantgarde des neuen Journalismus‘, hat es in jüngerer Zeit erwischt oder erwischt es gerade. Das einst berühmteste deutsche Techblog Basic Thinking, für das ich zwei Jahre lang der verantwortliche Redakteur war, steht wieder zum Verkauf. Am Team lag es nicht, die zuletzt noch aktiven Jungs wie Tobias Gillen, Jürgen Kroder und Michael Müller haben unter den gegebenen Umständen gute Arbeit geleistet. Der Verkauf wird vom Herausgeber mit „Umstrukturierung“ und Fokussierung auf das Kerngeschäft begründet. So viel Wirtschafts-Blabla versteht inzwischen jeder, dass er weiß, dass es hier schlicht um den Dinero ging. Sie werden ohne Quersubventionierung nicht genug eingenommen haben, um die Kosten zu decken, ganz einfach. Geld war letztlich auch der Grund, warum der Mutterkonzern meinen alten Brötchengeber Blogwerk auflöste und mit ihm das ebenfalls bekannte Techblog Netzwertig. Dabei lag Blogwerk im Plan, allein die Entwicklung ging dem Konzern nicht schnell genug.

Der Schwarze Peter war hier schnell gefunden und in Hinblick auf das Agenturgeschäft war das Ende auch schwer nachvollziehbar. Und doch merkten wir, dass zumindest die Themenblogs sich irgendwie überlebt hatten.

Wie es weitergehen wird

Für einen kurzen Moment im vergangenen Winter standen meine beiden Kollegen Martin Weigert, Jan Tißler und ich vor der Möglichkeit, Netzwertig in Eigenregie weiterzuführen. Thematisch hätten wir das geschaukelt, finanziell vielleicht sogar auch. Aber irgendwie wussten wir, obwohl wir eigentlich immer schon etwas zusammen machen wollten, dass die alte Zeit vorbei und es Zeit für etwas Neues war.

Aber wofür? Das weiß ich leider auch nicht. Noch nicht. Wer sich was gespart hat, dem würde ich ein Sabbatical und eine Weltreise nahelegen, um mal den Kopf frei zu kriegen und neue Ideen zu sammeln. Jetzt wäre eine gute Zeit dafür. Was Kollege Gutjahr, meine eigene Zunft und meinen Zweckoptimismus anbelangt, weiß ich nicht, ob es so schlimm kommen muss. Denn:

  1. Eine Form von Journalismus werden die Menschen immer haben wollen. Da bin ich mir sicher. Dass dieser nicht zwingend in einer Zeitung oder im Fernsehprogramm zu sehen sein muss, dürfte heute jedem klar sein. Aber das ist auch nicht weiter von Belang. Dann ist es eben die Smartwatch, das Smart TV oder das vernetzte Schneidbrett, wo die Nachrichten erscheinen.
  2. Soft News, also Boulevardnachrichten, Katzenbilder, CR7-Tore… müssen nicht zwingend von Journalisten kommen, werden sie in Zukunft auch immer seltener. Das kommt eben, von wem es kommt, man findet es bei den best vernetzten Multiplikatoren in den einschlägigen sozialen Netzwerken, zu denen man mittlerweile auch WhatsApp oder Snapchat zählt.
  3. Wer heute nichts für journalistische Produkte auf Snapchat, Facebook oder WhatsApp bezahlen will, der hat das früher auch nicht gemacht, zumindest nicht bewusst. Er hat vielleicht in der Tageszeitung seiner Eltern mitgelesen, Sendungen im gebührenfinanzierten Fernsehen gesehen und sich allenfalls hin und wieder mal eine bunte Zeitschrift gekauft. Ein E-Paper wird er sich nie kaufen und für eine Metered Paywall nie etwas bezahlen. Isso.
  4. Text ist tot. Text ist tot? Na ja, fast. Zumindest ist Text kein Allheilmittel mehr, wenn man viel bessere Möglichkeiten wie Tabellen, interaktive Grafiken oder Infografiken hat. Was immer am besten passt. Bewegtbild passt übrigens fast immer. Texte wird man aber immer brauchen, und seien es nur kurze Anreißer, um Videos vorzustellen.
  5. Für Hard News, also echte Fakten, braucht man schon noch Menschen, die gelernt haben, das objektiv und nüchtern aufzubereiten. Der Ukraine-Konflikt zeigt sehr gut, dass die Wahrheit nicht immer so eindeutig zu ermitteln ist. Und dann benötigt es wiederum Experten, die erklären, wie das Geschehen einzuordnen ist. Dafür braucht es schon noch gut ausgebildete Journalisten. Wenn auch vielleicht nicht so viele wie jetzt.
  6. Das Repetieren von Pressemeldungen auf Tech- oder Wirtschaftsblogs ist im Prinzip wirklich nicht notwendig. Googles Schritt, Pressemeldungen künftig gleichrangig neben journalistischen Beiträgen in Google News aufzunehmen, ist zumindest nachvollziehbar im Hinblick auf die Ankündigung z.B. eines neuen Smartphones. Ja, es braucht hier Experten oder eher: Kundenberater, die möglichst unabhängig einschätzen, wie die Tech Specs im Vergleich zu anderen zu bewerten sind. Aber ganz ehrlich: Ich kenne in meinem Bekanntenkreis kaum noch jemanden, der kein Smartphone-Experte ist. Wer immer sich ein neues Gerät kauft, hat vorher drei bis vier Wochen Netzrecherche hinter sich – und kennt sich dann mindestens so gut aus wie ein Techblogger.
  7. Das Monster Facebook ist gefräßig, es will unsere Beiträge so, ohne dass wir damit Geld verdienen. Das Monster ist allerdings selbst zur Nebensache geworden. Wer liest heute schon noch den Newsfeed, wo immer die gleichen langweiligen Leute was erzählen und die coolen längst woanders sind? Es geht also eher um Snippets, Bilder und Videos, die man auf WhatsApp und Snapchat teilen kann. Aber nicht wirklich um harte Fakten. Die suchen selbst Schüler woanders.
  8. Es gibt einige journalistische Assets, die nur schwer zu ersetzen sind und die sich folglich noch zu Geld machen ließen. Das sind Lokalnachrichten (man wird immer wissen wollen, was in der Nachbarschaft so passiert), übersichtliche Aufbereitungen von Informationen (zum Beispiel ein bunt gestaltetes Datenblatt über Smartphones) oder, ja, auch Bücher. Ich selbst erlebe es in letzter Zeit immer wieder, dass ich im Wust der überoptimierten Suchtreffer auf Google zu einem Thema gar nichts Brauchbares mehr finde als den Wikipedia-Eintrag. Wird es zu schlimm, gebe ich auf und bestelle mir lieber ein Buch zum Thema bei Amazon. Gebraucht für nur wenige Euro, aber übersichtlich strukturiert und umfassend recherchiert. Für so etwas werden die Leute auch zahlen, es muss nur einfach, „lecker“ und bequem sein.
  9. Auf dem Markt herrscht ein krasses Überangebot an Nachrichten und Information zum selben Thema. Ein solcher Markt muss früher oder später zusammenbrechen.
  10. Für den Großteil des heute bekannten Online-Journalismus‘ werden die Leute auch in Zukunft kein Geld bezahlen und mit dem Erfolg von Adblockern – ob es einem passt oder nicht – werden sich auch die meisten Online-Angebote langfristig nicht refinanzieren können. Einige große schon, klar, der Großteil nicht. Aber so hart es klingt: Ich glaube auch nicht, dass für klassischen Journalismus die Zeiten noch einmal besser werden.

Ich stimme Richard zu, dass der Journalismus, wie wir ihn kannten, vielleicht erst sterben muss. Dass wir alle vergessen müssen, was früher war, um neu zu lernen, wie Journalismus funktioniert. Oder Datenaufbereitung, oder Infotainment, wie immer man Journalismus in Zukunft vielleicht auch nennen mag. Es wird nicht so weitergehen wie bisher. Aber irgendwie, doch, da bin ich mir sicher, wird es weiter gehen. Wie, das werden wir noch herausfinden.

Nichts bereuen

In seinem Beitrag erzählt Richard, dass er, wenn er noch einmal die Wahl hätte, lieber ein Startup gründen würde als in den Journalismus zu gehen und dass er es bereue, nie programmieren gelernt zu haben. Vor einigen Jahren sagte ein guter, schon etwas älterer Bekannter zu mir, als ich ihm klagte, ich würde es bereuen, nie ernsthaft Spanisch gelernt zu haben: „Du bereust zu viel.“ Seitdem habe ich zumindest ein paar Online-Kurse belegt.

Mein alter Kollege Martin Weigert eröffnete nach dem Ende von Netzwertig das englischsprachige Blog Meshed Society, und ist außerdem für Peter Hogenkamps neuen Nachrichten-Kuratierer Niuws aktiv. Sein Wahlspruch war für mich damals ebenso interessant, wie er für junge Leute heute nichts Besonderes mehr ist: „Wenn das nicht klappt, dann mache ich halt etwas Anderes“. Nicht nur bezogen auf den gegenwärtigen Job, sondern auch auf den Beruf.

tl;dr

Wir waren einst die, die den verstaubten, ewiggestrigen Verlagen das Netzzeitalter darbringen wollten. Wir schüttelten den Kopf darüber, dass sie nicht verstanden, dass hier eine neue Epoche anbrach und dass sie sich mit Händen und Füßen gegen das Unaufhaltbare wehrten. Nun ist unsere Epoche vorbei. Wir wehren uns zwar nicht, aber auch wir müssen uns eingestehen, dass eine ungewisse Zukunft anbricht. Wenn wir die noch mitgestalten wollen, dann müssen wir uns verändern. Eben das, was wir von den Anderen all die Jahre gefordert haben.

Bilder: Chung Ho Leung unter CC-Lizenz BY-ND 2.0, Surian Soosay unter CC-Lizenz BY 2.0