Ich bin gerne freier Journalist, ich nutze nur viel zu wenige von meinen Freiheiten

Bild: Linus Bohmann via Flickr unter CC-Lizenz BY 2.0

Bild: Linus Bohmann via Flickr unter CC-Lizenz BY 2.0

Der Timo Stoppacher hat mich gefragt, ob ich an einer Blogparade zum Thema „Warum ich gerne freier Journalist bin“ teilnehmen könnte.

Bin ich. Kann ich, aber es wird nicht so leicht, Vor- und Nachteile klar voneinander zu trennen.

Deswegen zähle ich beides mal kombiniert auf. Ihr werdet gleich sehen, warum:

Sicherheit: Wie viel sicherer ist eine Festanstellung?

Contra

Ich bin seit fast drei Jahren wieder freiberuflich, war vorher zwei Jahre festangestellt und davor schon fünf Jahre freiberuflich unterwegs. Meine ganze Geschichte lest ihr hier. Gerade in der ersten Phase meiner Freiberuflichkeit ging vieles schief, im zweiten Versuch läuft es besser. Derzeit lebe ich maßgeblich von einem Kunden. Sollte der abspringen, stünde ich erstmal ohne was da. Besonders sicher ist das natürlich nicht.

Pro

Mit eben diesem Kunden habe ich – auf Wunsch des Kunden! – eine zweimonatige, beiderseitige Kündigungsfrist vereinbart. Das zeigt mir, dass der Kunde schon an einer dauerhaften Zusammenarbeit interessiert ist.

Nebenbei: Wie viel mehr Sicherheit habt ihr als Festangestellter? Derzeit sammle ich noch Argumente für den geplanten Blogbeitrag „Festanstellung? Danke, ich suche mir lieber etwas Sicheres!“. Es werden täglich mehr.

Das Problem mit diesem Medienwandel

Contra

Ich habe leider auch keine echte Antwort auf den Medienwandel und deswegen zuletzt so manche schlaflose Nacht hinter mir. Weil ich selbständig bin, muss ich mir darüber Gedanken machen, darüber, wo ich mich langfristig platzieren will und ich muss mich vielleicht noch mehr als andere fortbilden. Was genau ich in zehn Jahren einmal machen werde – ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung.

Pro

Derzeit ist aber eigentlich alles sehr gut. Ich verdiene gut, weil ich mittlerweile weiß, was ich wert bin, und mich nicht mehr unter Wert verkaufe. Ich versuche, mich gut zu vernetzten, alle aktuellen Trends zu verfolgen und manchmal ein wenig für mein Handwerk zu klappern.

Home Office ist im Prinzip mein Freund

Contra

Seit über zwei Jahren arbeite ich nun von Zuhause aus. Und so sehr ich auch die Ruhe beim Arbeiten schätze, desto mehr geht stört mich langsam auch das Alleinsein. Mir ist mittlerweile klar, dass ich zumindest einen oder zwei Tage in der Woche gerne mit netten Menschen zusammenarbeiten möchte. Das ist auch möglich, ich könnte mich aktiv darum kümmern, aber manchmal kriegt man dann doch seinen Arsch nicht hoch.

Pro

Das Gute ist: Ich kann machen, was ich will. Ich muss nicht jeden Tag in einem Büro antanzen, in dem es mir nicht gefällt und indem stressiges Großraumbüroklima herrscht. Zumindest an den meisten Tagen im Jahr geht für mich nichts über meine Ruhe in den eigenen vier Wänden.

Allein gegen den Rest der Welt?

Contra

Bei meinem letzten Engagement bei Blogwerk fühlte ich mich als Teil eines Teams, auch wenn ich die meisten Kollegen nur wenige Male überhaupt live getroffen habe. In der Zeit haben mir auch soziale Kontakte kaum gefehlt, weil man sich täglich über Mail, Skype und Slack ausgetauscht hat. Seit es mit Blogwerk leider Ende letzten Jahres zu Ende gegangen ist, fehlt mir das alles ein bisschen.

Pro

Ich bin deswegen vor zwei Wochen dem neuen Dienst Niuws beigetreten, bei dem ich mit einigen meiner alten Kollegen wieder zusammenarbeite und den Channel über TV-Serien übernommen habe. Im Prinzip tue ich das derzeit ohne Entgelt. Aber das Gefühl, wieder zu einem Team zu gehören, macht es den überschaubaren Aufwand wert. Schöner Nebeneffekt übrigens: Ich habe dadurch angefangen, meine ziemlich verstreuten Informationen über TV-Serien einmal zu ordnen und rüberzubringen. Ich hatte plötzlich wieder Interesse daran, mich mit der Materie zu befassen, habe in zahlreiche neue Serien reingeschaut, habe eine – noch nicht ganz spruchreife – Idee für ein Event und habe ganz ohne Druck ein gutes Buch über Drehbücher für TV und Kino gelesen. Als Hintergrund, aber vielleicht auch irgendwann mehr, wer weiß. 😉

Summa summarum: Die Vorteile überwiegen für mich

Ergo: Ich bin etwas zu häuslich, habe auch natürlich einige Bindungen hier, meine Freundin, meine Freunde, meinen Tischtennisverein. Schaue ich mir an, was Kollegen von mir machen, bekomme ich regelmäßig Fernweh. Timo und auch Johannes Haupt haben mal zwei Wochen von Gran Canaria aus gearbeitet, Jan Tißler pendelt unregelmäßig zwischen Hamburg und San Francisco hin und her, wobei der Schwerpunkt auf SF liegt, und bei meinem alten und wieder neuen Kollegen Martin Weigert habe ich mittlerweile aufgegeben zu fragen, wo er gerade ist. Es ist gefühlt jede Woche ein anderer Ort auf der Welt. Könnte ich eigentlich auch, mache ich auch demnächst zum ersten Mal: zwei Wochen Aberdeen – nicht alleine und auch nicht meine eigene Idee. Aber ein Anfang. Ich könnte noch viel, viel mehr aus meinen Freiheiten machen!

Lasst euch nicht einsperren!

Womit wir beim Fazit wären: Wer sich frei wie ein Vogel fühlt, der lebt nicht gerne eingesperrt in einem Bürokäfig. Es kann dort schön sein, aber wenn man dorthin kommen muss, ist es eben doch nur ein Käfig. Ich brauche die Freiheit, dort zu arbeiten, wo ich möchte, und auch für wen ich möchte. Alles andere bremst nur. Zumindest mich. Von daher: Ja, ich bin liebend gerne freiberuflich. Ob langfristig überhaupt noch als Journalist, ist die eigentliche Frage.

1 Kommentar

  1. Kann deine Ausführungen total nachvollziehen. Mir würde alleine zu Hause auch die Decke auf den Kopf fallen…

    Aber bei uns in der Firma ist es glücklicherweise auch möglich, zu Hause zu arbeiten und so sitze ich neuerdings regelmäßig freitags in der Wohnung von meiner Freundin und arbeite von dort. So geht’s auch mit Festanstellung wunderbar und ohne das Gefühl, eingesperrt zu sein.. 🙂

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