Das Web, das wir immer noch haben

Bild: Craig Sunter unter CC-Lizenz BY-ND 2.0

Bild: Craig Sunter unter CC-Lizenz BY-ND 2.0

Der iranische Blogger und Regimekritiker Hossein Derakhshan wurde im Jahr 2008 verhaftet, saß mehrere Jahre im Gefängnis, bevor er Ende 2014 überraschend begnadigt wurde. Aber das Netz, das er danach vorfand, war nicht mehr dasselbe, schrieb er jüngst in einem bemerkenswerten Blogbeitrag mit dem Titel „The Web we have to save„, der mich gestern Abend beim Lesen sehr nachdenklich gemacht hat.

Das Netz im Jahr 2015 werde von großen Medienkonzernen beherrscht, schreibt Derakhshan, und gleiche mehr dem Fernsehen. Jeder konsumiere nur noch und jage dem nächsten Instagram-Bild eines Promis hinterher. Beiträge, die sich nicht gut auf sozialen Netzwerken verbreiten ließen, würden nicht mehr gelesen. Das Web hätte früher maßgeblich aus Texten bestanden, heute gleiche es eher eine Bildershow. Und das Schlimmste: Niemand protestiere mehr gegen etwas.

Wirklich?

Was Derakhshan kritisiert, steht ein wenig in Widerspruch zu dem, was ich jeden Tag erlebe. Mich erreichen täglich mehrere gute analytische Texte verschiedenster Plattformen über Kultur, Technik, Politik und Wirtschaft. „The Web we have to save“ war nur einer davon. Es kommen mehr, als ich Zeit habe zu lesen und die meisten davon sind kritische Meinungsartikel. Es sind Blogbeiträge oder Texte von etablierten Medienhäusern, die sich genauso lesen. Ich erfahre maßgeblich auf Twitter, Facebook und Feedly davon und – es stimmt – ich muss in vielen Fällen die Plattform nicht mehr in Richtung Web verlassen, um sie zu lesen. Das ist komfortabel – aber ist das so schlimm?

Und niemand regt sich mehr über etwas auf?

Auch beim Thema Debatten habe ich einen anderen Eindruck gewonnen. Sogar ein vermeintlich aufgeklärtes Land wie Deutschland ist derzeit tief gespalten in den Debatten um Überwachung, Euro-Krise und leider auch Flüchtlinge. Man schaue aktuell bloß auf die Reaktionen und Gegenreaktionen etwa von Til Schweigers Spendenaufruf und auf Sascha Lobos Kommentar dazu. Eine große Masse an Menschen regt sich über die Flüchtlingspolitik auf und die glücklicherweise gefühlt noch größere Masse schießt dagegen. Es wird aus allen Rohren gefeuert und leider längst nicht mehr konstruktiv. Aber es wird gefeuert – nur diesmal auf Facebook, nicht im Kommentarbereich eines Blogs. Und auch hier wieder die Frage: Ist das so schlimm?

Ich sehe die Gefahr, vor der auch Derakhshan warnt: Verlagert sich die Diskussion auf wenige Plattformen, die von Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht geführt werden, dann kann es passieren, dass irgendwann etwas Kritisches einfach gesperrt wird. Oder dass ein guter, ein wichtiger Beitrag in der Masse viel aufmerksamkeitserhaschenderer Bilder und Videos schlicht untergeht.

Boulevard in Maßen

Aber niemand kann den ganzen Tag kritische politische Nachrichten lesen und hat das auch nie getan. Wir brauchen ein wenig Ablenkung – vielleicht auch, um das, was wir nicht ändern können, besser zu ertragen. Das haben wir aber immer schon getan. Früher guckten wir dazu belanglose Fernsehsendungen und lasen bunte Zeitschriften – heute berieselt uns statt dessen eben das Web mit bunten Promi- und Katzenbildchen. Schlimm?

Das Boulevardeske in unserem Nachrichtenstrom hat zuletzt die Oberhand gewonnen. Und das ist das eigentliche Problem: Lustige Videos und Bilder müssen sein, aber unsere Aufmerksamkeit darf sich nicht vollständig darauf lenken. Hier sollte man ansetzen, hier kann man auch aber noch ansetzen.

Verge-Gründer Joshua Topolsky will wieder etwas Bedeutendes erschaffen.

Verge-Gründer Joshua Topolsky will wieder etwas Bedeutendes erschaffen.

Das sieht auch Joshua Topolsky so. Der Mann, der federführend am kometenhaften Aufstieg des Techportals The Verge und dessen Medienhaus Vox war und später auch Bloomberg neu ausgerichtet hat, sucht gerade eine neue Aufgabe. In einem aktuellen Blogbeitrag, der in die gleiche Kerbe schlägt wie Derakhshan, beschreibt er das Problem, dass derzeit einfach nur viel Lärm zu hören sei. Jede Publikation schreie in jedem Beitrag um Aufmerksamkeit, „um unsere ganze Aufmerksamkeit“. „Ich bin zutiefst frustriert über das Rennen um die maximale Aufmerksamkeit egal zu welchem Preis“, schreibt Topolsky. Und er glaubt, die Menschen wünschten sich etwas Besseres, Bedeutenderes, weniger Lautes.

Ich denke das auch.

Und ich denke, so etwas ist möglich, auch in diesem Web.

Es muss nur genauso komfortabel sein, wie Facebook gerade ist.

Dass so etwas komfortabel ist, ist in meinen Augen nicht verwerflich.

Wir diskutieren heute anders und anderswo, aber nicht weniger lebhaft.

Und Blogs sind alles andere als verschwunden. Sie sind so omnipräsent und Teil des klassischen Journalismus‘ geworden, dass wir sie schon gar nicht mehr wahrnehmen.

Wir müssen das Rad der Zeit deswegen nicht zurück-, sondern weiterdrehen.

1 Kommentar

  1. Mal auf dem klassischen Weg, 140 Zeichne sind schön :-), aber… Meiner Meinung nach: Die Diskussionen haben sich verlagert, viele machen sich Luft auf FB und Twitter, es kommen Gegenstimmen, aber das war’s dann auch, nach Schema „…kurz Aufregen, Gegenstimme, mehr Aufregen, oh, ein lustiges Katzenbild… Vergessen“. Jemand hat mal die Aufmerksamkeitsspanne 2000 zu 2015 nachgemessen: http://bit.ly/1fp3SGw Deshalb ist die Volkszählung heute eine ganz einfache Sache, deshalb zucken viele Menschen nur mit Schultern wenn die das lesen: http://bit.ly/1ejyXKV , usw. Nicht das „alte“ oder „neue“ Netz ist ein „Problem“, wir sind es, keiner geht auf die Straße, aber alle sind „je suis charlie“. Wie kann man das ändern, ich weiss es nicht…, Lethargie nennt man wohl so etwas.

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