„Die Rechnung bitte!“

Rechnung_Jason_Rogers

Es war nicht immer so und wird vielleicht auch nicht immer so sein. Aber im Moment verdiene ich gut, habe sogar ein paar Kollegen, die ich beschäftigen kann und die mir monatlich Rechnungen schreiben. Sobald eine Rechnung eintrifft, lasse ich alles stehen und liegen, logge mich in mein Bankkonto ein und überweise die Rechnung. Sofort.

Diese Praxis habe ich mir bei einem Kollegen abgeschaut, für den ich vor ein paar Jahren einige Aufträge erledigte. Er sagte mir klar heraus, viel könne er leider nicht zahlen, aber dafür zahle er pünktlich. Ich schlug ein – und er hielt Wort. Nachdem ich den ersten Auftrag fertig hatte, schickte ich ihm mein Ergebnis per Mail. Seine Antwort kam zehn Minuten später:

Danke für die Texte. Die Rechnung bitte!

Ob mit den Texten alles in Ordnung sei, ob er zufrieden wäre, fragte ich erst einmal zurück. Seine Antwort, wieder zehn Minuten später:

Ja, die Texte gefallen mir. Die Rechnung bitte!!!

Ich schickte ihm meine Rechnung per Mail. Am nächsten Tag war das Geld auf meinem Konto. Das gleiche Spiel bei den noch vier anderen Malen, die ich einige Beiträge für ihn schrieb. Diese Zahlungsmoral und der Satz „Die Rechnung bitte!“ gingen mir in Fleisch und Blut über. Und ich schwor mir, wenn ich einmal Mitarbeiter hätte, würde ich es genauso machen.

Rechnungen bezahlen? Wir doch nicht!

Das ist doch selbstverständlich, sagt ihr? Träumt weiter. Ich kenne viele Kollegen, die manchen Rechnungen oft wochenlang hinterher laufen, manchmal sogar vergeblich.

Ich selber habe unterschiedliche Zahlungsmoral bei Kunden erlebt. In den meisten Fällen wurden Fristen eingehalten, andere zahlten manchmal erst nach einer freundlichen Erinnerung. (Hier herrscht bei mir zero tolerance. Ich kann nervig werden, wenn eine Rechnung nicht wie abgesprochen bezahlt wird. Höflich, aber nervig.)

Ein anderer Fall hätte mir fast den Hals gebrochen.

Vor einigen Jahren meldete sich eine große regionale Redaktion bei mir und sprach davon, mich für ein Projekt zu engagieren. Ich war begeistert: die Redaktion genießt einen hervorragenden Ruf in der Region, das Projekt klang spannend. Es dauerte dann doch noch drei, vier Wochen, bis es aber dann schließlich hieß: „Können Sie nächste Woche anfangen? Vollzeit?“ Ich überlegte nicht lange, sagte zu und einige andere Projekte dafür ab und stieg in das Projekt ein.

Drei Wochen später war es das schon wieder. Das Projekt stellte sich als nicht in der Form realisierbar heraus. Man hatte einen Mitarbeiter gewollt aber nicht gefunden, der das verwendete fossile CMS schon im Schlaf beherrscht; niemanden, den man erst einlernen musste. Dass ich das System nicht kannte und viele Fragen dazu hatte, war Gegenstand täglicher Spannungen und Vorwürfe mir gegenüber. Dass das Projekt selbst auf wackeligen Füßen stand und die Kollegen darüber klagten, dass sie sehr spät bezahlt würden, trug weiter zur Weltuntergangsstimmung in dem Hause bei. An einem Morgen hörte ich den Redaktionsleiter auf der Toilette lautstark mit sich selbst reden und über einen Kollegen beschweren. Mir wurde die Sache zu verrückt; ich kündigte.

„Rechnung per Einschreiben? Nein, ist nicht angekommen

Es gab noch ein konstruktives Gespräch mit dem Verlagsleiter, ich sollte meine Rechnung stellen, tat das. Trotz einwöchigem Zahlungsziel war das Geld nach drei Wochen immer noch nicht auf meinem Konto eingegangen. Ich hakte nach: Die Rechnung sei nicht angekommen, teilte mir der Verlag mit. Ach nein? Gut, dann noch einmal, diesmal per Übergabe-Einschreiben. Der Mann an der Rezeption, der sich mir einmal namentlich vorgestellte hatte, unterschrieb; per Code konnte ich die elektronische Quittung bei der Post einsehen. Bei meiner Nachfrage eine Woche später hieß es wieder, die Rechnung sei nicht angekommen. Ich tobte, hatte ich doch den elektronischen Beweis, dass sie sehr wohl angekommen sein musste. Aber das motivierte den Verlag nicht zu zahlen. Der Verlagsleiter reagierte nicht mehr auf meine Mails oder Anrufe.

Die ganze Sache zog sich über fast drei Monate hin. Ich stand mittlerweile in der Kreide. Ich hatte andere Projekte für den toll klingenden Verlagsjob abgesagt, die nun anders besetzt waren, fand in der Kürze der Zeit keinen Ersatz. Ich wusste nicht mehr, wie ich meine nächste Miete bezahlen sollte, musste aufs Amt, ALG II beantragen und mich dort demütigen lassen. Zum ersten und bisher einzigen Mal in meinem Leben blieb mir nichts anderes übrig, als mit einem Anwalt zu drohen. Ich schrieb dem Verlagsleiter noch eine letzte Mal:

„Bis Freitag ist das Geld auf meinem Konto, sonst werde ich den Fall meinem Anwalt, Dr. …, Fachanwalt für Arbeitsrecht, übergeben.“

Den Anwalt hatte ich bis dahin noch gar nicht kontaktiert. Es gab ihn und ich weiß, er hätte mir geholfen. Aber ich hatte ihm bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Sache erzählt.

Die Drohnung alleine aber schien zu reichen: Am Freitag war das Geld auf meinen Konto.

Warum denn nicht?

Was ich mich zu dem Zeitpunkt immer wieder gefragt habe: Warum? Warum denn? Was bringt es einer Redaktion, die mehr Geld als genug hat, ihre Leute nicht rechtzeitig zu zahlen? Loyalität jedenfalls nicht. Zufriedenheit oder Motivation auch nicht. Vielleicht spart man ein paar Zinsen, aber dem Ruf ist das sicherlich nicht förderlich.

Ich hab es in meiner Karriere noch ein anderes Mal erlebt, dass eine Zusammenarbeit vorzeitig und nicht unbedingt zur Zufriedenheit aller Beteiligter zu Ende ging. Mit dem Unterschied, dass diese Redaktion trotzdem pünktlich zahlte, was sie mir noch schuldete. Dreimal dürft ihr raten, auf welche Redaktion ich heute besser zu sprechen bin…

Pünktliches Zahlen ist mehr als eine Anständigkeit. Es ist die preiswerteste Form des Selbstmarketings. Eure Kunden werden es euch danken, euch in guter Erinnerung behalten und weiter empfehlen.

Der Kollege, der meine Aufträge stets mit der Aufforderung „Die Rechnung bitte“ quittierte und dann sofort zahlte, heißt übrigens Tjark Knittel. Er und seine Firma SEO-Manufaktur, für die ich damals schrieb, seien deswegen an dieser Stelle einfach einmal lobend erwähnt. Das hat der Mann sich verdient.

Beitragsbild: Jason Rogers unter CC-Lizenz BY 2.0

4 Kommentare

  1. Word, handhabe ich ganz genauso. Wie du schreibst: Eine gute Zahlungsmoral ist die günstigste Form des Selbstmarketing, das sollte sich jeder Unternehmer wert sein. Unabhängig von den lächerlichen Zins-Cents, die eine Ausreizung der Zahlungsziele tatsächlich bringt.

    Ciao
    Johannes

  2. Falls das Geld nicht auf dem Konto ist, wenn die Miete abgebucht werden soll, ist das sicherlich ärgerlich. Primär geht es dir aber wohl um die mangelnde Verbindlichkeit im Umgang miteinander. Davon sind dann auch Angestellte betroffen, deren Chefs es nicht schaffen, Zusagen zu machen oder einzuhalten.

  3. Tja, Anstand ist selten in der Branche…gezahlt wird entgegen dem Gesetz meist erst nach Veröffentlichung, oft weniger als vereinbart und manche drohen stattdessen sogar noch mit Ärger…

    https://schreibenfuergeld.wordpress.com/2010/08/20/warnung-vor-pit-klein-sat-kabel/

    Wegen solchen Summen Prozesse führen will natürlich niemand und darauf wird gebaut. Irgendwann will man dann halt aber für niemand mehr schreiben…

    Schön, daß es noch andere Fälle gibt! 🙂

  4. Ich denke den Firmen ist ihr Ruf egal, solange es nur ein Selbstständiger ist, der auf ne Rechnung wartet…
    Die wollen einfach nur Zeit schinden und vielleicht haben se bei einigen Rechnungen auch erfolg damit, das einer den Weg zum Anwalt scheut. Ich übergeb meine Rechnungen an ein Inkassobüro, die haben bisher die wenigen Säumigen zum zahlen gebracht.

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