Otto und die Nachwehen

Turbulente anderthalb Wochen gehen zu Ende. Schon einmal danke an euch alle, denn mein Beitrag „Woher haben Sie meinen Namen“ scheint bei vielen einen Nerv getroffen zu haben. Etwa 20.000 Mal wurde der Text seit der Veröffentlichung hier im Blog aufgerufen. Besonders auf Twitter gab es viele Reaktionen darauf. Aufgenommen wurde die Geschichte unter anderem von Netzpolitik.org, Golem.de und taz.de, wo ein kurzes Interview mit mir erschienen ist. Vielen Dank an die Kollegen und an alle Leser!

Über die Zuschriften habe ich mich gefreut. Die Reaktion war fast durchweg einhellig: Nein, was mir da passiert ist, war nicht okay.

Otto hat in einem Kommentar unter meinem Beitrag kurz Stellung genommen. Tenor: Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen!

Auf der eigenen Website sucht Otto aktuell nach einer/m Datenschutzreferenten (schon seit dem 7.11., also vor der Veröffentlichung meines Beitrags, aber so oder so scheint man da Bedarf erkannt zu haben). Der Hamburger Landesbeauftragte für Datenschutz ist aktiv geworden und hat Otto zu einer Stellungnahme aufgefordert, worüber ich mich sehr freue.

Das war’s dann auch schon

Und jetzt? Wird Otto einknicken, wird man dort künftig sorgsamer mit Daten umgehen, werden Gesetze geändert? Nein, nichts dergleichen wird geschehen. Dafür ist die Geschichte nicht hoch genug gekocht, dafür ist zu wenig Druck entstanden, dafür hat auch ein Landesbeauftragter für Datenschutz zu wenig Macht. Noch dazu ist die Rechtslage unklar. Otto hat das außerdem clever im eigenen Newsroom kommuniziert: nämlich gar nicht. Dass Otto auf Wachstumskurs sei, steht dort, und warum man jetzt völlig ökologisch und modern auch Waren verleihe, statt sie nur zu verkaufen. Alles ist schön bei Otto, alles ist super.

Gefragt habe ich mich auch, ob es clever war, einen Rechtsanwalt einzuschalten und seine Stellungnahme hier zu veröffentlichen. Denn die rechtliche Lage bleibt Auslegungssache. Otto kann munter dagegen argumentieren, dass ein Gesetzesverstoß vorliegt. Das müssten erst die Gerichte klären, ließe man es dazu kommen. Und eigentlich geht es an dieser Stelle auch weniger darum, was Recht ist und was nicht. Es geht darum, was fair ist.

Warum darf ich nicht bestimmen, was mit meinen Daten gemacht wird?

Wenn ich mich bei Otto.de registrieren will, muss ich der Weitergabe meiner Daten erst zustimmen, bevor ich viel aufwändiger widersprechen kann. Meine Daten werden dann in alle Winde verstreut und ich erfahre erst Wochen später auf Nachfrage, wohin genau. Ein Kommentator unter meinem Beitrag berichtete davon, dass Otto seine neuen Adressdaten von einem Nachsendeauftrag der Deutschen Post abgefischt und für ihn geändert hatte. Auf Nachfrage wurde das als Service für ihn bezeichnet.

Das kann man sogar so sehen. Aber warum hatte er keine Möglichkeit, sich selbst auszusuchen, wer diese Daten bekommt? Es wurde einfach über seinen Kopf hinweg entschieden.

Das ist kein fairer Umgang miteinander.
Das ist nicht transparent.
Und das ist vor allem nicht mehr zeitgemäß.
Aber all das scheint Otto & Co. egal zu sein.

Ich bin nicht einmal zwingend für Datensparsamkeit, angeblich gefährdet die sogar unseren Wohlstand. 😉 Aber warum darf ich nicht entscheiden, was mit meinen Daten gemacht wird, wer sie genau bekommt und welche Daten das sind? Wieso ist es so weit gekommen, dass andere mit meinen persönlichen Daten alles tun dürfen und mir mehr schlecht als recht erklären, was und wofür?

Es geht nicht nur um Datenschutz, es geht um Transparenz und Datenfairness. Um Auswahlmöglichkeiten für Kunden, um Mitbestimmung. Und da stehen wir erst ganz am Anfang.

1 Kommentar

  1. Der erstaunte Herr hätte mal die Bedingungen eines Nachsendeantrages durchlesen sollen.
    Das doch albern, es „abfischen“ zu nennen, wenn auf den meisten Firmen- und amtlichen Schreiben hinten drauf steht „Nicht Nachsenden. Mit neuer Adresse zurück“. Bei Otto sind das übrigens die Kontoauszüge mit eventuell ausstehenden offenen Rechnungen.
    Man kann diese Leute dann auch suchen lassen über die Einwohnermeldeämter. Das kostet den Kunden dann unter Umständen ein paar Euronen mehr.

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